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Buchkritik -- Christoffer Petersen -- Sechs Schatten im Eis

Umschlagfoto, Buchkritik, Christoffer Petersen, Sechs Schatten im Eis, InKulturA Wenn die Landschaft mehr erzählt als der Kriminalfall

Der frühpensionierte Polizist David Maratse hat sich nach einer im Dienst erlittenen Verletzung in ein beschaulicheres Leben zurückgezogen. Doch wer in einem Kriminalroman seinen Ruhestand genießen möchte, darf bekanntlich nicht damit rechnen, dass ihm dieser Wunsch erfüllt wird. Auf einer Schlittenfahrt durch die eisige Weite Ostgrönlands entdeckt Maratse ein Boot, dessen Deck Blutspuren aufweist. Im Inneren findet er Tote und Verletzte, außerdem scheint eine Person spurlos verschwunden zu sein. Was zunächst wie eine zufällige Entdeckung aussieht, entwickelt sich zu einem Rätsel, das den ehemaligen Polizisten gegen seinen erklärten Willen wieder in die Ermittlungsarbeit hineinzieht.

Christoffer Petersen hat sich mit Grönland einen Schauplatz ausgesucht, der weit mehr zu bieten hat als eine exotische Kulisse für ein konventionelles Verbrechen. Die Abgeschiedenheit der Siedlungen, die Unberechenbarkeit der Natur und jene eigentümliche Mischung aus Weite und Beklemmung, die eine Landschaft hervorbringen kann, in der menschliche Existenz stets etwas Vorläufiges behält, verleihen dem Roman eine durchaus reizvolle Atmosphäre. Petersen versteht es, diese Welt anschaulich werden zu lassen. Seine Beschreibungen besitzen eine Unmittelbarkeit, die den Leser bisweilen vergessen lässt, dass er eigentlich einem Kriminalfall folgen wollte.

Das ist allerdings zugleich die Stärke und das Dilemma dieses Romans: Die Landschaft entwickelt mehr Eigenleben als die Geschichte, die sich in ihr zuträgt.

Auf vergleichsweise wenigen Seiten versucht Petersen, eine erstaunliche Fülle an Ereignissen unterzubringen. Intrigen und Verrat, romantische Verwicklungen, Schießereien, Explosionen und Folter wechseln einander in einer Geschwindigkeit ab, die kaum Gelegenheit lässt, das Geschehen gedanklich oder emotional nachzuvollziehen. Was eben noch nach einem folgenreichen Konflikt aussah, ist wenige Absätze später bereits vom nächsten Zwischenfall verdrängt worden. Dabei entsteht weniger der Eindruck einer raffiniert konstruierten Handlung als vielmehr der einer Geschichte, die ihre eigenen Möglichkeiten nicht ausschöpft.

Spannung erwächst schließlich nicht aus der bloßen Addition dramatischer Ereignisse. Sie benötigt Entwicklung, innere Folgerichtigkeit und Figuren, deren Schicksal dem Leser nicht gleichgültig bleibt. Gerade daran mangelt es hier. Manche Wendung kommt zwar unerwartet, doch Überraschung und Plausibilität sind bekanntlich nicht dasselbe. Wenn eine Entwicklung vor allem deshalb verblüfft, weil sie sich aus dem bisherigen Geschehen kaum ableiten lässt, ist das noch kein Beweis erzählerischer Raffinesse.

Auch die Figuren leiden unter dieser dramaturgischen Betriebsamkeit. Petersen führt eine beträchtliche Anzahl von Personen ein, ohne ihnen durchweg jene Konturen zu verleihen, die über ihre jeweilige Funktion innerhalb der Handlung hinausweisen würden. Selbst David Maratse bleibt als Protagonist eigentümlich blass. Seine Vorgeschichte als verletzter Polizist und widerwilliger Ermittler böte durchaus Gelegenheit, einen interessanten Charakter zu entwickeln. Doch der Roman ist mit seinen zahlreichen Verwicklungen derart beschäftigt, dass für eine vertiefte Beschäftigung mit den Menschen kaum Raum bleibt. Die Dialoge helfen dabei nur bedingt. Nicht selten erschöpfen sie sich im Erwartbaren, wo ein wenig sprachliche Eigenwilligkeit den Figuren gutgetan hätte.

Dabei wäre es ungerecht, Petersen jedes erzählerische Geschick abzusprechen. Sein Roman liest sich ausgesprochen flüssig, besitzt einen angenehmen Rhythmus und versteht es durchaus, die Neugier auf den Fortgang der Geschichte wachzuhalten. Nur sollte man von dieser Neugier nicht allzu viel verlangen. Wer einen komplex konstruierten Kriminalfall erwartet, dessen Auflösung die zuvor ausgelegten Spuren in einem neuen Licht erscheinen lässt, dürfte enttäuscht werden. Wer hingegen für einige Stunden in die eisige Abgeschiedenheit Grönlands eintauchen möchte und dabei mit einem unkomplizierten Kriminalabenteuer zufrieden ist, wird durchaus auf seine Kosten kommen.

Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Besonderheit dieses Buches: Man erinnert sich weniger an die kriminalistischen Verwicklungen als an die Welt, in der sie stattfinden. Das Eis, die Kälte und die entlegenen Schauplätze besitzen eine Eindringlichkeit, die den handelnden Personen gelegentlich abgeht. Petersen hätte seiner Geschichte vermutlich einen größeren Gefallen getan, wenn er ihr weniger Ereignisse und dafür mehr erzählerische Aufmerksamkeit gegönnt hätte.

Eine Frage allerdings bleibt nach der Lektüre unbeantwortet, und sie betrifft weder die verschwundene Person noch die Hintergründe des Verbrechens: Sind die Bewohner Grönlands tatsächlich derart leidenschaftliche Raucher? Kaum eine Unterhaltung, bei der nicht jemand eine Zigarette anzündet, genüsslich inhaliert oder eine weitere Rauchpause einlegt. Man gewinnt beinahe den Eindruck, der Tabakkonsum gehöre neben Hundeschlitten und winterfester Kleidung zur unverzichtbaren Grundausstattung des grönländischen Alltags.

Angesichts der klimatischen Verhältnisse mag man dafür sogar ein gewisses Verständnis aufbringen. Nur wundert es einen, dass bei so viel Rauch überhaupt noch jemand die Eislandschaft erkennen kann.




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Veröffentlicht am 3. Oktober 2026