Der Ort – mehr als eine Koordinate im GPS

Über Raum, Wahrnehmung, Erinnerung und die Frage, wo die Welt für uns Bedeutung gewinnt

Ein Ort scheint zunächst etwas Selbstverständliches zu sein. Er ist dort, wo wir uns befinden, wo ein Haus steht, ein Weg beginnt, ein Fluss seine Richtung ändert oder zwei Straßen einander kreuzen. Wir können ihn auf einer Karte markieren, seine geografischen Koordinaten bestimmen, seine Ausdehnung vermessen und seine Lage mit mathematischer Genauigkeit beschreiben. Wir können jederzeit nachweisen, dass er existiert, und anderen Menschen erklären, wie sie ihn erreichen. In diesem Sinne ist ein Ort eine eindeutig bestimmbare Stelle im Raum, ein Ausschnitt jener physischen Wirklichkeit, die uns umgibt und die auch dann fortbesteht, wenn wir sie nicht wahrnehmen. Weiterlesen →

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Das Leben, das wir nicht gelebt haben

Über den Zufall unserer Existenz, die Illusion des gelungenen Lebens und die Unmöglichkeit, am Ende eine Bilanz zu ziehen

Es gibt eine bemerkenswerte menschliche Eigenschaft, die uns vermutlich von den meisten anderen Lebewesen unterscheidet: Wir sind nicht damit zufrieden, einfach nur zu leben. Wir möchten auch wissen, ob wir richtig leben. Mehr noch, wir möchten eines Tages auf unsere Existenz zurückblicken und feststellen können, dass sie gelungen ist. Als wäre das Leben eine Aufgabe, deren Lösung wir bei unserer Geburt zwar nicht mitbekommen haben, für die am Ende aber dennoch eine Bewertung vorgesehen ist.

Nur wer stellt uns dieses Zeugnis aus? Und nach welchen Kriterien? Weiterlesen →

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Beziehungsdynamik – Ein Wettlauf mit der Zeit, den man nur verlieren kann

Damals, als sie noch keinen Ring am Finger trugen, war ihr Leben voller Gesang, Tanz und Lachen.

Ich erinnere mich an eine Küche, in der für zwei Menschen eigentlich zu wenig Platz war. Wenn einer den Kühlschrank öffnete, musste der andere zur Seite treten. Sie machten einen Tanz daraus. Er nahm ihre Hand, sie drehte sich unter seinem Arm hindurch, und für einen Augenblick schien selbst die schlecht geschnittene Wohnung eigens für ihre Liebe gebaut worden zu sein. Auf dem Herd kochte etwas über. Niemand kümmerte sich darum. Später, das weiß ich noch, saßen wir auf dem Boden, weil es nicht genügend Stühle gab. Sie lachten über einen Satz, den ich längst vergessen habe. Weiterlesen →

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Die Freiheit der Raubvögel

Über Macht, Willen und die dunkle Natur des Menschen

Der Mensch hat sich seine Lieblingstiere stets nach dem Maß seiner Sehnsüchte ausgesucht. Dem Löwen überließ er die Majestät, dem Pferd die edle Gefolgschaft, dem Hund die Treue. Den Greifvögeln aber traute er etwas zu, das ihm selbst nur selten gelingt: eine Freiheit, die nicht um Erlaubnis fragt. Hoch über den Dingen ziehen sie ihre Kreise, sehen, ohne gesehen werden zu müssen, und stoßen herab, wenn der Augenblick gekommen ist. Sie scheinen weder mit sich zu hadern noch sich vor einer Instanz rechtfertigen zu müssen. Vielleicht bewundert der Mensch sie gerade deshalb. Er erkennt in ihnen eine Souveränität, die er sich selbst gern zuschreibt und die ihm im Alltag so zuverlässig abhandenkommt. Weiterlesen →

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Die Bilanz eines Lebens

Vielleicht ist es Melancholie, die einen Menschen dazu bringt, über sein Leben Rechenschaft ablegen zu wollen. Vielleicht auch nur die allmähliche Einsicht, dass die Zeit nicht mehr in derselben Weise vor ihm liegt wie früher. Lange ließ sich Versäumtes in die Zukunft verschieben. Ein Gespräch würde sich noch ergeben, eine Reise ließ sich nachholen, für eine andere Art zu leben war später immer noch Zeit. Irgendwann bekommt dieses Später etwas Unzuverlässiges. Es ist noch da, aber nicht mehr selbstverständlich verfügbar. Weiterlesen →

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Die Sache mit dem Glück

Die Stühle stehen noch um den Tisch, leicht schief, als hätten sie den Abend nicht ganz loslassen wollen. Auf einer Sitzfläche liegt eine vergessene Serviette, auf einer anderen der Abdruck eines Mantels. Die Gläser sind leer, die Kerzen weit heruntergebrannt. Vor wenigen Minuten haben Menschen hier gelacht, einander ins Wort gefallen, sich über einen alten Film gestritten und bei der Verabschiedung versprochen, das bald zu wiederholen. Nun ist die Wohnung still. Man hört die Heizung, ein Auto in der nassen Straße, vielleicht noch das Echo einer Stimme, die eben durch den Flur ging. Weiterlesen →

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Da geht doch noch mehr

Es ist eine jener Nachrichten, bei denen man zunächst ganz menschlich reagiert: Man blickt auf den Frühstückstisch, sieht die Marmelade, die Cornflakes, den Joghurtdeckel und fragt sich, ob man selbst eigentlich schon ein fiskalisches Ereignis ist. Die Regierung denkt über eine Plastik- und Zuckersteuer nach. Zwei Stoffe, die den deutschen Alltag mit einer Zähigkeit regieren, gegen die manche Koalition wie eine lose Gesprächsrunde in einem Regionalzug wirkt: das Süße und das Umhüllte. Nun sollen beide zur Kasse gebeten werden. Man möchte fast dankbar sein. Endlich hat jemand die wahre Verbindung zwischen dem Gummibärchen und dem Einwegbecher erkannt: Beide versprechen Haltbarkeit, und beide hinterlassen sie. Weiterlesen →

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Gleich und Gleich gesellt sich gern

Die Linke hat die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus gewonnen. Soweit, so schlecht. Wobei man sich in Berlin mit solchen Wertungen inzwischen ohnehin zurückhalten sollte, denn was gestern noch als politisches Desaster galt, kann morgen bereits als gesellschaftspolitische Chance verkauft werden, sofern man nur das richtige Podium und ausreichend Fördermittel dafür findet. Nach der Wahl musste jedenfalls gefeiert werden, und wie es sich für eine Partei gehört, die sich traditionell um gesellschaftliche Teilhabe bemüht, war die Wahlparty offenbar ein Ort bemerkenswerter Offenheit. So bemerkenswert offen, dass dort auch ein stadtbekannter Vertreter eines Berliner Clanmilieus auftauchte. Das sorgte verständlicherweise für mediale Aufmerksamkeit, woraufhin die Partei zu jener besonders reizvollen Form politischer Schadensbegrenzung griff, bei der zunächst einmal erklärt wird, dass eigentlich gar nichts passiert sei. Der Mann sei schließlich nicht eingeladen gewesen. Eine geradezu bestechende Argumentation, denn wenn ein Gast nicht eingeladen wurde, kann seine Anwesenheit schwerlich der Einladungspolitik zugerechnet werden. Man könnte diese Logik künftig konsequent anwenden: Wenn ein ungebetener Gast auf einer Parteiveranstaltung auftaucht, ist die Partei nicht verantwortlich; wenn ein ungebetener Gast im Bundestag auftaucht, ist der Bundestag nicht verantwortlich; und wenn irgendwann einmal ein Elefant auf einer Pressekonferenz sitzt, muss man nur feststellen, dass er nicht auf der Gästeliste stand. Weiterlesen →

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Moral in der Katastrophe I

Der Bunker ist zunächst nur eine Tür aus Stahl. Draußen zerbricht die Welt, drinnen gibt es Wasser, Luftfilter, Vorräte und ein Bett für die Nacht. Doch kaum steht jemand vor dieser Tür und bittet um Einlass, ist sie keine technische Vorrichtung mehr. Sie wird zu einer moralischen Maschine. Sie sortiert Menschen in jene, die geschützt werden, und jene, deren Gefahr zum Anblick der anderen wird. Der Gedanke an einen solchen Ort lässt mich nicht deshalb frieren, weil er von Gewalt erzählt. Gewalt ist in Katastrophengeschichten fast erwartet. Mich beunruhigt etwas Schlichteres: dass die Menschen im Schutzraum Gründe für das haben können, was sie tun. Weiterlesen →

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Moral in der Katastrophe II

Zwischen Kant und Hobbes

Das Dilemma beruht auf einem Konflikt zwischen zwei verschiedenen Arten von Gründen. Selbsterhaltung fragt: „Was muss ich tun, um mein eigenes Leben, meine Handlungsfähigkeit und die Menschen, für die ich unmittelbar verantwortlich bin, zu bewahren?‟. Altruistische Moral fragt dagegen: „Was schulde ich einem anderen Menschen gerade dann, wenn ihm meine Hilfe nicht gleichgültig sein kann?‟. In der Katastrophe prallen diese Fragen unverhüllt aufeinander. Die knappe Wasserflasche, der Platz im Rettungsboot, die verschlossene Bunkertür machen aus ihnen eine Entscheidung, die sich nicht durch gutes Zureden auflösen lässt. Weiterlesen →

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