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Buchkritik -- Michael Kreisel -- Pfefferminztee und Whisky

Umschlagfoto, , InKulturA Zwischen Kamillendampf und Rauchnote – über Michael Kreisels „Pfefferminztee und Whisky"

Es gibt Buchtitel, die schon vor der ersten Seite ein kleines Programm formulieren, beinahe zu beiläufig, um als Pointe zu gelten, und gerade deshalb wirksam. „Pfefferminztee und Whisky" ist so ein Titel. Zwei Getränke, zwei Tageszeiten, zwei moralische Klimazonen, könnte man sagen – das eine steht für Klärung, für den Versuch, den Kopf freizubekommen, das andere für die Bereitschaft, sich genau dieser Klarheit wieder zu entziehen. Schon in dieser stillen Gegenüberstellung steckt die Frage, die den ganzen Band trägt, ohne dass er sie laut ausspricht: Wie viel Widerspruch verträgt eine Form, die ursprünglich aus der Kunst der Beschränkung lebte?

Das Haiku, wie es zu uns gelangt ist – von einer Generation von Übersetzern, die in den Siebzigern glaubte, im Siebzehn-Silben-Vers eine Art spirituelle Abkürzung gefunden zu haben –, war nie nur eine Zählübung. Die 5-7-5-Struktur war das Skelett, das Fleisch aber bestand aus dem Jahreszeitenwort, aus dem kireji, jenem Bruch, der ein Gedicht kippen lässt wie ein Licht, das plötzlich von der anderen Seite kommt. Michael Kreisel hält an diesem Skelett fest, was man, in einer Zeit, in der die meisten der Form nach der ersten Strophe schon wieder den Rücken kehren, fast eine Form von Disziplin nennen möchte. Aber er füllt es mit anderem Fleisch. Kein Schnee auf Kiefernzweigen, kein Frosch im Teich – stattdessen Nachtbus Haltestellen, vom Wind derangierte Haarsträhnen der Freundin, das leere Glas des Trinkers und grauer Großstadtasphalt.

Und genau hier beginnt die Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder gestellt habe, ohne sie wirklich zu Ende zu denken: Ist das eine Übersetzung der Form in unsere Gegenwart – oder ihre Domestizierung? Wenn man dem Haiku den Bergpfad nimmt und ihm stattdessen den Wartebereich am Fahrplan des letzten Busses gibt, ist es dann noch dasselbe Tier, oder nur noch dessen ausgestopfte Haut, hübsch arrangiert im Wohnzimmer einer bildungsbürgerlichen Lektüre? Ich will diese Frage nicht zu schnell entscheiden, denn ich glaube, dass gerade in dieser Unentschiedenheit die eigentliche Pointe des Bandes liegt – vielleicht sogar, ohne dass der Autor das selbst so beabsichtigt hätte.

Die stärksten Texte – und es gibt sie, auch wenn man sie zwischen den eher dekorativen Momentaufnahmen erst suchen muss – sind die, in denen der Alltag tatsächlich einen Riss bekommt, ohne dass das Gedicht diesen Riss selbst benennt. „Der Balkon" ist dafür das Beispiel, an dem sich zeigen lässt, was diese Form noch zu leisten vermag:

Der Balkon

Er stellt das Glas ab
öffnet die Flügeltüren
und springt vom Balkon

Drei Zeilen, eine einzige durchgehende Bewegung – und doch kippt zwischen dem zweiten und dem dritten Vers alles. Bis dahin: eine kleine Choreografie der Häuslichkeit, beinahe zärtlich in ihrer Genauigkeit. Das Glas wird abgestellt, nicht fallen gelassen. Die Flügeltüren werden geöffnet, nicht aufgerissen. Und dann, ohne Komma, ohne Atempause, der Sprung. Das Gedicht sagt nicht, was das für ein Sprung ist – ein Sprung in die Nacht, ein Sprung auf die Terrasse darunter, ein Satz aus Übermut oder einer, der sich jeder Erklärung entzieht. Genau in dieser Weigerung, sich zu deuten, liegt seine Kraft. Das ist kireji im eigentlichen Sinn: der Bruch, der alles Vorherige rückwirkend neu beleuchtet, dem Satz von der Häuslichkeit nachträglich den Boden entzieht. Und im Glas, das er so behutsam abstellt, bevor er hinausgeht – hier schließt sich, vielleicht ungewollt, vielleicht auch nicht, der Kreis zum Titel des Bandes – ist mit einiger Wahrscheinlichkeit kein Pfefferminztee gewesen.

Diese Momente funktionieren, weil sie der Form ihre ursprüngliche Aufgabe zurückgeben. Aufmerksamkeit zu erzwingen in einer Zeit, die für alles andere konzipiert ist als für Aufmerksamkeit. Das Haiku als Widerstand gegen das eigene Medium, könnte man sagen, gegen die Kürze, die es selbst mitbringt und die im Zeitalter des Scrollens längst zur Norm geworden ist. Ironischerweise ist das Siebzehn-Silben-Gedicht heute näher an der Tweet-Länge als je zuvor – und genau das macht seinen möglichen Widerstandswert interessant, wenn der Band ihn denn nutzt.

Ob er das durchgehend tut, ist eine andere Frage. Die Kontinuität zu den früheren Bänden, die man dem Autor gern als Verlässlichkeit zugutehält, liest sich an manchen Stellen auch wie eine Komfortzone; eine Tonlage, ein Blickwinkel, eine bestimmte Art von leicht melancholischer Beobachterhaltung, die sich selbst zu vertraut geworden ist, um noch zu überraschen. Das ist kein Vorwurf, eher eine Beobachtung über das, was passiert, wenn eine Stimme einmal gefunden ist: Sie läuft Gefahr, sich selbst zu zitieren.

Und doch – und damit kehre ich zum Titel zurück, der mir beim zweiten Lesen klüger vorkam als beim ersten – liegt vielleicht genau in dieser Doppelung die eigentliche Wahrheit des Bandes. Pfefferminztee als das, was wir trinken, wenn wir glauben, die Kontrolle zu behalten; Whisky als das, was wir trinken, wenn wir wissen, dass wir sie längst verloren haben. Ein Leben besteht aus beidem, meist gleichzeitig, und ein Gedichtband, der das in seiner unaufgeregten, manchmal zu unaufgeregten Form abbildet, hat zumindest etwas Wahres erfasst – auch wenn die Frage, ob das schon Erneuerung der Gattung ist oder nur ihre angenehme Einrichtung für den deutschen Wohnzimmertisch, am Ende offenbleibt. Vielleicht muss sie das auch.




Meine Bewertung:Bewertung

Veröffentlicht am 14. Juni 2026

Rezension von Claudius