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Buchkritik -- Lidia Yuknavitch -- Schläge

Umschlagfoto, Buchkritik, Lidia Yuknavitch, Schläge, InKulturA Die Anatomie des Überlebens: Lidia Yuknavitchs radikale Empathie

Lidia Yuknavitchs Erzählband „Schläge“ ist ein literarischer Faustschlag in die Magengrube des Lesers – präzise, unerbittlich und von einer rohen Schönheit, die lange nachhallt. Die Sammlung beginnt mit der Geschichte einer jungen Schwimmerin, die in einem namenlosen, vom Krieg zerrissenen Land ums Überleben kämpft. Das Wasser, einst ihr Zufluchtsort, wird zum Schauplatz einer traumatischen Flucht. Yuknavitch, selbst ehemalige Leistungsschwimmerin, nutzt das aquatische Motiv nicht als autobiografische Nabelschau, sondern als universelle Metapher für den menschlichen Körper im Ausnahmezustand.

Die enorme Lebendigkeit von Yuknavitchs Figuren entspringt den Stimmen, die sie ihnen verleiht. Es sind Stimmen, die sich gegen Machtstrukturen auflehnen, die sie ausnutzen und entmenschlichen wollen. Doch ihre Protagonistinnen sind keine passiven Opfer. Sie sind Akteurinnen in komplexen sozialen Systemen, ausgestattet mit einem unerschütterlichen Überlebenswillen und einer tiefen inneren Würde. In „Die Prgankurierin“ wird die junge Waise Anastasia zur Arbeit gezwungen, doch sie weigert sich, in Selbstmitleid zu versinken. Sie ist eine Überlebende, nicht nur in den Augen des Lesers, sondern auch in ihrer eigenen Wahrnehmung.

Yuknavitch beschränkt sich jedoch nicht auf die Darstellung von Überlebenskämpfen in fernen Ländern. Sie seziert mit ebenso scharfem Blick die moralische Verdammnis des materiellen Komforts in der westlichen Gesellschaft. In „Drive-in“ konfrontiert sie den Leser mit der unbequemen Wahrheit über unsere eigene, oft heuchlerische Empathie. Die Erzählerin, gefangen im Kokon ihres Autos, empfindet eine bittere Erleichterung, als ein aggressiver Bettler von einem Manager vertrieben wird. Yuknavitch entlarvt die feinen Risse in unserer zivilisierten Fassade und zwingt uns, unsere eigene Mitschuld an den Strukturen der Ausgrenzung zu erkennen.

Eine ähnliche Dynamik entfaltet sich in „Straßenmädchen“, wo eine Literaturdozentin einer jungen Prostituierten Zuflucht gewährt. Doch die erhoffte Dankbarkeit bleibt aus. Die junge Frau rebelliert gegen die ihr zugedachte Opferrolle, indem sie die bürgerliche Ordnung der Dozentin sabotiert. Yuknavitch warnt hier eindringlich vor einer liberalen Frömmigkeit, die Mitgefühl mit Besitzanspruch verwechselt. Sie gibt der Ausgegrenzten den Raum, sich zu wehren und die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen.

Die nahtlose Verschmelzung des Persönlichen mit dem Politischen und des Politischen mit dem Ästhetischen ist das pulsierende Herz von „Schläge“. Yuknavitch scheut kein Unbehagen, keine Grenzüberschreitung. Sie führt uns in die dunkelsten Winkel der menschlichen Erfahrung und fordert uns auf, nicht wegzusehen. Ihre Geschichten enden oft ohne klare Auflösung, wie in der ersten Erzählung, die mit dem erschütternden Satz schließt: „Diese Geschichte hat kein Ende. Wir setzen Kinder im Ozean aus.“

„Schläge“ ist eine Zumutung im besten Sinne des Wortes. Der Band fordert den Leser heraus, sich nicht nur intellektuell, sondern auch moralisch und emotional mit den Geschichten auseinanderzusetzen. Es ist eine anstrengende, aber ungemein lohnende Arbeit. Lidia Yuknavitch hat eine Sammlung von bahnbrechender Fiktion geschaffen, die uns zwingt, über die Grenzen unserer eigenen Empathie nachzudenken.




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Veröffentlicht am 28. Januar 2026