Der magische erste Satz

Der erste Satz eines literarischen Werkes ist kein Satz. Er ist ein Versprechen. Oder genauer: ein Wagnis. In ihm steckt die ganze Arroganz des Anfangs, die Behauptung, dass ausgerechnet diese Stimme, ausgerechnet jetzt, etwas zu sagen hat, das gehört werden muss.

Der erste Satz ist ein Sprung ins Dunkel. Weiterlesen

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Ist das Veruntreuung oder was…?

Es gibt Begriffe, die sind so elegant, dass man ihnen ihre Herkunft nicht mehr ansieht. „Sondervermögen“ gehört zweifellos dazu. Ein Wort, geschniegelt wie ein Minister auf Staatsbesuch, geschniegelt bis zur semantischen Schmerzgrenze. Es klingt nach Rücklage, nach kluger Vorsorge, nach einem Staat, der heimlich klüger ist als seine Bürger und deshalb schon heute weiß, wofür er morgen Geld brauchen wird. Tatsächlich aber handelt es sich um Schulden. Nicht um gewöhnliche Schulden, versteht sich, sondern um solche mit Manieren, geschniegelt, gebügelt, picobello, bis sie aussehen wie etwas, das man guten Gewissens in eine Sonntagsrede einbauen kann. Weiterlesen

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Wer hätte das gedacht?

Es gibt Momente im politischen Leben eines Landes, in denen eine Erkenntnis plötzlich mit der Wucht einer Offenbarung einschlägt. Ein Schleier zerreißt, eine Wahrheit tritt ans Licht, und die Republik reibt sich verwundert die Augen.

So geschehen dieser Tage, als eine Studie über islamistische Einstellungen unter jungen Muslimen veröffentlicht wurde. Sie förderte Ergebnisse zutage, die in Berlin eine Mischung aus Erschütterung, Besorgnis und der vorsichtigen Bildung von Arbeitsgruppen hervorriefen.

Ein Teil junger Muslime – man halte sich fest – äußert Sympathien für islamistische Positionen.

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Die Ära des leeren Himmels II

Der Algorithmus als letzter Gott

(Eine spenglerianische Erweiterung)

Oswald Spengler beschrieb Kulturen als lebendige Organismen. Sie entstehen, blühen, erschöpfen sich – und gehen schließlich in Zivilisationen über, die nur noch den Schatten ihrer ursprünglichen Seele tragen. Die Kultur lebt aus Mythen, Symbolen, metaphysischen Spannungen; die Zivilisation dagegen lebt von Technik, Organisation und Verwaltung.

In dieser Perspektive erscheint die Gegenwart wie eine späte, beinahe müde Phase der abendländischen Geschichte. Die großen metaphysischen Horizonte sind verschwunden, doch das Bedürfnis nach ihnen ist geblieben. Der Mensch kann offenbar nicht in einer vollkommen sinnentleerten Welt existieren. Wo der Himmel sich leert, sucht er unweigerlich nach einem neuen Ort für das Heilige. Dieser Ort liegt heute nicht mehr über uns, sondern unter der Glasoberfläche unserer Bildschirme. Weiterlesen

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Die Ära des leeren Himmels I

Die Einsamkeit des digitalen Menschen

Es gab eine Zeit, oder wenigstens den Glauben daran,, in der der Himmel nicht leer war. Über den Köpfen der Menschen spannte sich ein Raum, der mehr war als Atmosphäre. Er war Projektionsfläche, Drohung, Hoffnung, Gerichtssaal und Trost zugleich. Selbst der Zweifler lebte noch im Schatten einer Transzendenz, gegen die er sich auflehnen konnte.

Heute dagegen hat sich der Himmel entleert. Nicht spektakulär, nicht in einem großen metaphysischen Donnerschlag, sondern geräuschlos, wie ein Raum, aus dem über Nacht die Möbel verschwinden. Am Morgen steht man darin und wundert sich über das Echo der eigenen Schritte.

Der Mensch der Gegenwart lebt in dieser Leere, und versucht verzweifelt, sie mit Stimmen zu füllen. Weiterlesen

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Die Psychologisierung des Politischen

Wie der Bürger zum Patienten wurde

Es war einmal eine Zeit, da war Politik unerquicklich, laut, unerquicklich konkret. Man stritt über Steuern, Gesetze, Grenzen, Krieg und Frieden. Heute streitet man über Befindlichkeiten. Politik hat ihre Aktentasche gegen ein Therapiekissen getauscht. Weiterlesen

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F. Merz und die 50 Euro

Ein deutsches Märchen aus der Politblase

Oder: Die große deutsche Altersvorsorge im Format einer Dauerüberweisung

Es gibt Sätze, die eine eigentümliche Schlichtheit besitzen, als wären sie aus jener moralischen Grammatik geschnitzt, mit der früher Eltern ihre Kinder zur Ordnung riefen. Einer dieser Sätze lautet: „50 Euro im Monat sparen, früh anfangen, nie aufhören.“ Weiterlesen

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Resilienz

Die Kunst, mit dem Gesicht in der Windmaschine zu lächeln

Es gab eine Zeit, da genügte es, zu leiden. Man litt an der Welt, am Wetter, an der Politik, an der eigenen Schwiegermutter. Das Leiden war unerquicklich, aber immerhin ehrlich. Heute dagegen leidet man nicht mehr. Man „arbeitet an seiner Resilienz“. Weiterlesen

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Spiegelbilder der Macht

Die gegensätzlichen Strategien in einer neuen Ära des Konflikts

In der Landschaft der modernen Militärstrategie stehen zwei Werke wie tektonische Platten gegeneinander: „Unrestricted Warfare‟ von den chinesischen Obersten Qiao Liang und Wang Xiangsui und „The Dragons and the Snakes‟ des australischen Strategen David Kilcullen. Obwohl beide die Evolution des Konflikts im 21. Jahrhundert sezieren, tun sie dies aus diametral entgegengesetzten Perspektiven und mit fundamental unterschiedlichen Absichten. Das eine ist ein Manifest des Herausforderers, das andere die Diagnose der herausgeforderten Macht. Gemeinsam zeichnen sie ein scharfes Bild einer Welt, in der die alten Regeln des Krieges nicht mehr gelten. Weiterlesen

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„Kulturschaffende‟ sind Subventionsempfänger

Unter dem Etikett Kunst kommen immer Steuergelder zum Vorschein

Man muss nur das Wort „Kunst“ in einen Förderantrag schreiben, und schon beginnt der Geldfluss zu murmeln wie ein diskret geöffneter Champagner. Es perlt aus Haushaltsplänen, rinnt durch Ausschüsse, versickert in Jurysitzungen und taucht am Ende als Installation wieder auf, die aussieht wie ein umgekippter Farbeimer, aber mit einem sechsseitigen Konzeptpapier ausgestattet ist. Weiterlesen

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