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Buchkritik -- Jo Nesbø -- Minnesota

Umschlagfoto, Buchkritik, Jo Nesbø, Minnesota, InKulturA Jo Nesbøs Roman „Minnesota“ zieht den Leser tief in die düsteren Straßen von Minneapolis, wo sich eine komplexe Geschichte auf zwei Zeitebenen entfaltet. Der Kern der Handlung, angesiedelt im Jahr 2016, folgt der blutigen Spur eines Scharfschützen. Was mit dem gezielten Tod eines Kleinkriminellen beginnt und die Polizei zunächst auf eine falsche Fährte lockt, offenbart sich bald als das Werk eines methodischen Serienmörders. Mit jedem weiteren Opfer wird klarer, dass dieser Täter nicht nur aus Kalkül handelt, sondern getrieben ist von dem verzweifelten Bedürfnis, seine eigene tragische Geschichte zu erzählen.

Die Ermittlungen fallen dem suspendierten Detective Bob Oz zu, einem zutiefst gebrochenen Mann, der mit seiner Alkoholsucht und dem unbewältigten Verlust seiner Tochter ringt. Oz entwickelt eine fast fieberhafte Besessenheit für den Fall, getragen von der Überzeugung, als Einziger die innere Logik des Mörders entschlüsseln zu können, eine Logik, die auf beunruhigende Weise seine eigene zerrüttete Psyche spiegelt. Sechs Jahre später, im Jahr 2022, reist der norwegische Krimiautor Holger Rudi nach Minneapolis, um genau diese Mordserie für ein Buch zu recherchieren. Doch seine Nachforschungen enthüllen, dass seine eigene Rolle in diesem Fall weitaus vielschichtiger und gefährlicher ist, als er ahnte, was der Erzählung eine zusätzliche, fesselnde Metaebene verleiht.

In unverkennbarem Nesbø-Stil entfaltet sich „Minnesota“ als ein psychologischer Thriller, der die Grenzen des Nordic-Noir-Genres souverän sprengt. Die Stärke des Romans liegt in der meisterhaften Zeichnung seines Antihelden Bob Oz, der in seiner Komplexität und moralischen Ambivalenz eine würdige Ergänzung zu Nesbøs berühmtem Ermittler Harry Hole darstellt. Die Motivation des Mörders, tief verwurzelt in einem Rachedurst, der sich aus den verheerenden Folgen der amerikanischen Waffenkultur speist, verleiht der Gewalt eine erschütternde gesellschaftliche Relevanz. Obwohl die Erzählerfigur im Jahr 2022 bisweilen etwas distanziert vom eigentlichen Geschehen wirkt, ist der Ermittlungsstrang von 2016 ein Meisterstück an erzählerischem Tempo, gespickt mit falschen Fährten und atemberaubenden Wendungen.

„Minnesota“ ist somit eine uneingeschränkte Empfehlung für Liebhaber düsterer, charaktergetriebener Kriminalromane. Es ist ein Buch für Leser, die ein Werk schätzen, das nicht nur Hochspannung bietet, sondern auch die emotionalen Abgründe von Verlust und die verzweifelte Suche nach Erlösung in einer moralisch zerfallenen Welt auslotet.




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Veröffentlicht am 23. Januar 2026